Bullerbü in der Altmark
Besonderes Wohnprojekt wächst: zukünftige Bewohnerin unterschreibt ersten Vertrag
03. Februar 2026, 13:23 Uhr
In der Altmark entsteht ein besonderes Wohnprojekt: Aus einem ganzen Dorf soll eine Gemeinschaft werden. Eine zukünftige Bewohnerin von Billberge hat jetzt als erste den Vertrag unterzeichnet. Ein Besuch in Sachsen-Anhalts geplantem Bullerbü.

Marlene Brühl (vorn rechts) und Patric Meier von der Genossenschaft Vielleben besichtigen mit Interessenten die Flächen, auf denen Neubauten entstehen sollen.
Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solís
Gekauft: So kam die Berlinerin zum Dorf
Bis 2018 betrieb das Christliche Jugenddorf CJD in Billberge eine Ausbildungsstätte. Als sich das CJD zurückzog, blieben nur zwei Familien in Billberge. Die meisten Häuser verwaisten. Einzig der Reitverein blieb und zog Pferdefreunde aus der Umgebung an. Der Landkreis wollte verhindern, dass das Dorf verschwindet und suchte nach einem Konzept.
Marlene Brühl hatte das beste, fand der Kreistag und gab ihr den Zuschlag. Mit Geschäftspartnern kaufte die Unternehmerin aus Berlin, die auch das Gewerbegebiet in Arneburg managt, das Dorf. Darauf aufmerksam geworden war sie, als sie einen schönen Platz fürs eigene Pferd suchte, mit viel Auslauf, Grün und Artgenossen. Es durfte auf den Weiden an der Elbe alt werden.

Gemeinschaftshaus mit Pferden als Nachbarn – in Billberge stehen etwa 40 Pferde.
Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solís
Die Idee: Ein Bullerbü in der Altmark
Was Marlene Brühl vorschwebt, ist eine Art Bullerbü. „Wer Bullerbü sagt, meint auch Kinder. Ich lege großen Wert darauf, dass Kinder hier einen Platz haben. Mir schwebt eine Dorfgemeinschaft im alten Stil vor, Vielleben sorgt für einen modernen Stil“, erklärt sie.
Wer Bullerbü sagt, meint auch Kinder. Ich lege großen Wert darauf, dass Kinder hier einen Platz haben. Mir schwebt eine Dorfgemeinschaft im alten Stil vor, Vielleben sorgt für einen modernen Stil.
Die Genossenschaft Vielleben hat ähnliche Projekte umgesetzt und stieg ein, gibt durch die Genossenschaft einen starken Rückhalt. Vorstand Patric Meier verweist darauf, dass das Modell Dinge ermöglicht, die ein einzelner nicht könnte. „Das Prinzip ist: wir reduzieren uns individuell. Die Privatflächen sind optimiert. So können wir uns gemeinsam mehr leisten.“ Gemeinsam größer sei das Motto. „Wenn wir uns individuell bescheiden, können wir uns gemeinsam große, schöne Flächen leisten. Nicht nur die Küche. Im Idealfall können wir Menschen Arbeit bieten“, so Meier.
Der Begriff „Bullerbü“Bullerbü steht symbolisch für eine heile, idyllische Kindheit auf dem Land und wird wegen Astrid Lindgrens Kinderbuchreihe „Wir Kinder aus Bullerbü“ mit dem schwedischen, harmonischen Dorfleben in Verbindung gebracht.
Interessentin unterschreibt ersten Vertrag für das Wohnprojekt
In den Lehrwerkstätten, die das CJD zurückließ, könnten Werkstätten für Handwerker und Ateliers für Künstler entstehen. Mit dem Breitbandanschluss finden IT-Leute und Kreative ideale Bedingungen vor. Die Bestandshäuser sollen ausgebaut, neue Tiny Houses errichtet werden. Mit wenig Wohnraum zwischen 30 und 90 Quadratmetern, weil einiges in Gemeinschaftsräume ausgelagert wird.
Martina Hark ist begeistert. So begeistert, dass die Esslingerin den ersten Vertrag unterschrieben hat. 2027 will sie aus Baden-Württemberg umziehen in die Altmark. „Es ist ein Dorf, das es schon gab und das zu neuem Leben kommt“, schwärmt sie und erzählt weiter: „Wenn man Gleichgesinnte hat, klappt es auch mit der Dorfgemeinschaft, wie es früher mal war.“ Die Sozialpädagogin und Psychologin will Pflegekinder aufnehmen. „Wie heißt es? Wer ein Kind großziehen will, braucht ein ganzes Dorf.“ Billberge ist für sie der ideale Ort.

Träume könnten in Billberge wahr werden
Am liebsten soll auch ihre Nachbarin Anneliese Ergenzinger mitziehen. „Wir leben die Gemeinschaft bereits zu Hause“, erzählt Martina Hark. „Hier könnten wir es ein wenig größer aufziehen.“ Nachbarin Anni ist mitgekommen und hat in einem der Gästezimmer Quartier bezogen, die auf dem ehemaligen Gutshof zum Übernachten einladen. „Ich träume seit zehn Jahren von so einem Projekt“, beteuert sie und bekommt feuchte Augen. „Es ist erstaunlich, wie sich das hier mit meinen Träumen deckt. Wir sind schwer am Überlegen, ob wir hier einsteigen.“ Ihr Mann, dem sie Fotos geschickt hat, ist angetan von den Werkstatträumen. Er repariere alles, versichert Anni, sei ein ambitionierter Hobbybastler.

Es ist erstaunlich, wie sich das hier mit meinen Träumen deckt. Wir sind schwer am Überlegen, ob wir hier einsteigen.
Der erste Schritt ist gegangen
Beim Interessententreffen waren einige Menschen, die sich vorstellen können mitzumachen. Es bewegt sich was. Eine Gemeinschaft nimmt Formen an. „Gemeinschaft“, erklärt Marlene Brühl, „das heißt nicht, dass man jeden Abend miteinander kocht und morgens zusammen Kaffee trinkt, sondern dass man einiges teilt. Es ist effizienter, ökologischer, ökonomischer und eine wichtige Schlussfolgerung in Zeiten, da man merkt, dass der Individualismus nichts mehr bringt. Der einzelne kann sich nicht soviel leisten, aber die Gruppe. Meine Bohrmaschine brauche ich einmal im Jahr. Wozu also eine eigene haben?“

Das könne man auf viele Dinge übertragen: den Rasenmäher, die Küche, einen Partyraum, einen großen Garten, der gemeinsam angelegt werden soll. Es gibt viele Anfragen, aber den ersten Schritt zu gehen, sei das Schwierigste. Diese Schwelle ist mit der Vertragsunterzeichnung durch Martina Hark überwunden.
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