Ein Dorf sucht Bewohner / Billberge in Sachsen-Anhalt | web.de

24

Juli

Erst gehen die Menschen, dann verschwindet die Zuversicht: Viele ländliche Regionen stecken in einer demografischen Krise. Doch es gibt auch Versuche, das zu ändern. Zu Besuch im Dorf Billberge in Sachsen-Anhalt.

Eine Reportage
Dieser Text enthält neben Daten und Fakten auch die Eindrücke und Einschätzungen von Fabian Busch. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Mit Ende 40 hat Marlene Brühl etwas Großes gemacht. Sie hat ein Dorf gekauft. 13 Hektar, mit Gutshaus, vielen weiteren Gebäuden und Gehöften, einer kleinen Kirche, einer Werkstatt, einem Reiterhof. Dazwischen Kopfsteinpflaster, darüber grüne Baumkronen. Direkt an der Elbe ist es gelegen, in der Altmark im Norden Sachsen-Anhalts, wo die Wege lang sind und durch Wiesen und Wälder führen. Und dann durch noch mehr Wiesen und Wälder.

Marlene Brühl wurde im polnischen Krakau geboren, hat in Frankreich, Kanada, Österreich und Berlin gelebt. Jetzt will sie in der Altmark einen „Anker werfen“, wie sie sagt. Und sie will viele andere Menschen nach Billberge locken, in ihr Dorf. „Wir öffnen das Dorf, wir modernisieren es, und dann schauen wir, was kommt.“

Marlene Brühl kauft ein Dorf: „Eine demografische Krise kann man umkehren“

In vielen Landstrichen Deutschlands, gerade in den östlichen Bundesländern, passiert eher das Gegenteil. Erst ziehen die ersten Menschen weg. Dann schwindet die Infrastruktur, die Bushaltestellen und Treffpunkte, die Schulen und Kitas – und irgendwann schwindet auch die Zuversicht derjenigen, die dageblieben sind. Der Landkreis Stendal etwa, zu dem Billberge als Teil der Stadt Tangermünde gehört, hat heute fast 40.000 Einwohner weniger als vor 30 Jahren.

Marlene Brühl ist überzeugt, dass es auch anders geht. „Ja, es gibt eine demografische Krise. Aber die kann man umkehren.“

Marlene Brühl führt in rosa Turnschuhen und graugrünem Parka über den sandigen Boden des Dorfes. Sie spricht konzentriert, vermittelt eine feste Entschlossenheit. Was eben nötig ist, wenn man sich so ein Projekt aufhalst.

Marlene Brühl (l.) führt die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner (3.v.l.) und Sachsen-Anhalt-Spitzenkandidatin Susanne Sziborra-Seidlitz (2.v.l.) durch Billberge. © Fabian Busch

Zuerst war die Gegend nur eine dienstliche Zweitheimat für Marlene Brühl: Sie ist Geschäftsführerin des Industrie- und Gewerbeparks Altmark im benachbarten Arneburg. In der Nähe hat sie ein kleines Holzhaus, während der Corona-Pandemie verbrachten sie und ihre Tochter viel Zeit dort. Marlene Brühl merkte: „Man kann sehr entspannt auf dem Land leben – und es fehlt nichts.“

Billberge war früher im Besitz des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschland, das in den Gebäuden Jugendliche unterbrachte und ausbildete. Als das Jugendwerk das Areal verließ und verkaufte, gründete Marlene Brühl mit Mitstreitern eine GmbH und bewarb sich 2022 erfolgreich um die Übernahme. Sie verkaufte ihre Berliner Eigentumswohnung und kaufte von dem Erlös das komplette Altmärker Dorf. „Eins zu eins“, sagt sie. Nur für die nötigen Investitionen musste sie einen Kredit aufnehmen.

130 Menschen sollen bald wieder im leeren Dorf Billberge leben

Das Dorf soll demnächst in den Besitz einer Genossenschaft übergehen, die die Häuser und Wohnungen dann an ihre Mitglieder vermietet. Rund 130 Menschen sollen hier einziehen und Leben in die leerstehenden Gebäude bringen. Neue Tiny Houses aus Holz sollen entstehen, in großen Gemeinschaftsräumen, auf den Freiflächen und der Straße soll man sich treffen, austauschen, unterstützen, Freundschaften schließen. Bullerbü an der Elbe.

Trotzdem steht Marlene Brühl vor einer Herausforderung. Sie braucht viele Genossenschaftler, die in Billberge Geld und Zeit investieren, sich hier im strukturschwachen Gebiet ein Leben aufbauen wollen. „Wenn sich Menschen begeistern und einbringen, dann ist das zu stemmen“, sagt sie. Einige Interessenten gibt es bereits. Sie kommen aus München, Hamburg, Leipzig, Baden-Württemberg, sogar aus Österreich. Eher nicht aus der Altmark.

Womöglich liegt gerade da ein Problem. Auch wenn sie ein Dorf wiederbeleben: Lauter Menschen aus entfernten Großstädten, die ein Öko-Dorf gründen, sich auf dem Land breitmachen, den Menschen vor Ort vielleicht auch noch erklären wollen, wie das richtige Leben aussieht? Das muss doch bei den Alteingesessenen auf Misstrauen stoßen.

Marlene Brühl kennt diese Bedenken – und hält dagegen. Billberge soll keine linke Kommune und kein abgekapseltes gallisches Dorf sein. Sie ist überzeugt, dass auch die lokale Bevölkerung die Veränderung begrüßt. Sie nimmt die Altmärker als „fleißig und offen“ wahr, als „liberale Preußen“. „Es sind die Menschen, die mich hierhergelockt haben.“ Die Region kennt Brühl schon lange, hat hier Freunde und Bekannte, ein Netzwerk. Als Geschäftsführerin des Industrieparks hat sie Unternehmen auf das frühere Gelände eines nie in Betrieb genommenen Atomkraftwerks gelockt. Mehr als 1.500 Arbeitsplätze sind dort entstanden.

Grünen-Politikerinnen: Braucht Orte wie diese

Das Projekt Billberge zieht viel Aufmerksamkeit auf sich. Regionale und überregionale Medien haben darüber berichtet, Kommunalpolitiker unterschiedlicher Parteien schmücken sich damit. An diesem Tag ist sogar Besuch aus Berlin und Magdeburg gekommen: die Grünen-Bundesvorsitzende Franziska Brantner und ihre Parteifreundin Susanne Sziborra-Seidlitz, Spitzenkandidatin der Grünen bei der Landtagswahl am 6. September.

Sziborra-Seidlitz glaubt, dass auch viele Alteingesessene die Neuankömmlinge willkommen heißen. „Viele freuen sich über die Aufmerksamkeit. Freuen sich, dass sie gesehen werden“, sagt sie. Von Orten wie diesen gebe es inzwischen viele in Sachsen-Anhalt. „Sie bieten eine positive Erzählung, einen Blick auf ein Megaland mit viel Freiraum für Ideen.“

Franziska Brantner lobt, dass das Ziel in Billberge laute, nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich und sozial nachhaltig zu leben. „Und gemeinsam eine Zukunft zu schaffen ist auch genau das, wonach sich viele Menschen im Land sehnen. Sie wollen nicht immer nur mit der AfD in Verbindung gebracht werden. Denn wenn 40 Prozent AfD wählen, bleiben immer noch 60 Prozent, die das nicht machen“, sagt Brantner.

Und was, wenn die AfD regiert?

Beim Gespräch im Gemeinschaftshaus von Billberge kommt das Gespräch also auch auf den „blauen Elefanten“ im Raum, wie Marlene Brühl ihn nennt: den möglichen Wahlerfolg der AfD. Vor der Landtagswahl steht die in Teilen rechtsextreme Partei in Umfragen bei 40 Prozent. Lassen sich wirklich noch Menschen in die Altmärker Idylle locken, wenn in Sachsen-Anhalt womöglich bald die AfD regiert?

„Diese Bedenken gibt es ja jetzt schon“, sagt Marlene Brühl. Doch deswegen wegzuziehen und dorthin zu gehen, wo alle so denken wie sie selbst – das ist für sie keine Option. Wie es auch für andere Menschen keine Option ist, die hier verwurzelt sind. Aus ihrer Sicht gibt es nur einen Weg, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt wirklich an die Macht kommt: „Man muss das aushalten, man muss das aussitzen – und so gut entgegenwirken, wie man kann.“

Quelle: https://web.de/magazine/politik/wahlen/landtagswahlen/sachsen-anhalt/dorf-bewohner-sucht-42527228